Schüler ohne Kurs oder billige Bildung

Die neue Erfindung des Kieler Bildungsministeriums: Profiloberstufe.

Super, denkt man sich da, bei so einem geistreichen Wort, da steckt wohl auch viel Geistreiches hinter. Leider weit gefehlt: In Wahrheit handelt es sich nur um eine Kostenoptimierung der Oberstufe an schleswig-holsteinischen Gymnasien. Möchte man den Politikern glauben, so verbessert sich durch das neue Profil die Qualifikationen der Schulabgänger. “Juhu” könnte geschrien werden, auf sowas haben wir gewartet! Endlich steigt Deutschland auf dem Pisa-Treppchen wieder nach oben. Aber wiederum weit gefehlt: Denn an einem Grundproblem ändert das neue System wieder einmal nichts, nämlich an der Kurs ähm Klassengröße (gibt ja kein Kurs-… mehr).
Laut Kultusministerium entsprächen die Profile den Neigungen der Schüler, dass dies in der Tat der Fall ist, darf zurecht bezweifelt werden. Denn seit wann kann man sämtliche Gymnasiasten in wenige Profile kanalisieren und dann noch behaupten, dass ebendies den Neigungen eines jeden optimal entspricht?

Weniger ist mehr?
So oder so ähnlich soll die Formel aufgehen: Weniger Kosten, weniger Lehrkräfte, mehr Unterricht, mehr Bildung. Und, was gerne verschwiegen wird aber in der Realität so sicher kommt wie das Amen in der Kirche: größere Klassen.
Das Ministerium ließ verlauten, dass ab ca. 60-70 Schüler zwei (!) Profile zur Wahl gestellt werden sollen. Ab ca. 80 dürften es auch drei sein. Na da kann man gespannt sein, wie z.B. 60 Schüler sich entsprechend ihren Neigungen in einem von zwei Profilen wiederfinden. Und, nach Adam Riese, ergibt es bei einer optimalen Verteilung eine Klassengröße von 30 Schülern. Na, dass wollte man doch schon immer! Das ganze Brimbamburium wird nur veranstaltet, damit während dem lautstarken “Ah!” und “Oh!” nicht die Realität, der harte und bittere Kern erkannt wird.
Wird für einen Schüler ein geeignetes Profil nicht angeboten, so darf er zwecks sozialer Bindung und Integrationsförderung gleich komplett die Schule wechseln. Eine wahrhaft intelligente Lösung! Zum Vergleich: In der heutigen Oberstufe werden manche Leistungskurse an einer Schule auch für die Schüler einer weiteren angeboten, der große Vorteil für diese Schüler der externen Schule ist, dass sie nur für die entsprechenden Stunden zu der anderen Schule müssen. Ein Wechsel bleibt ihnen erspart.
Aber: Alles kalter Kaffee. Warum einfach wenns auch billig geht? Heute lautet die Devise: Top oder Flop! Bei Flop darf man sich dann gleich eine neue Schulheimat suchen.

Bessere Leistung?
Durch die Profiloberstufe werden auf einmal alle Akademiker? Oder wie soll man das verstehen, dass erst mit der Profiloberstufe ein leistungsmäßiger Up-to-date-Unterricht möglich ist? Im Pisa-Fieber fierbert ganz Deutschland mit: Bildung vor, noch ein Tor!
Bildung bezieht sich leider im Allgemeinen nur auf nachprüfbare Leistung und Wissen:

Leistung=Bildung=Wissen
Auf den ersten Blick klingt dies plausibel. Durch die schon geschaffenen Bildungsstandards wird gesichert, dass die Leistung den Anforderungen des 21. Jahrhunderts genügt. Oder zumindest genügen soll, denn Standards, die einem Lehrer einen straffen Plan vorlegen, was wann alles unterrichtet werden soll, sind doch nicht das, was wir in der Schule von morgen haben wollen. Dann bräuchten wir keine Lehrer und könnten den Schülern gleich gedruckte Bücher und einen Pensumplan geben, wann was zu welcher Prüfung gewusst werden muss.
Mit diesen Standards und ihren Zwängen nimmt man Lehrkräften die Fähigkeit ab, selber Unterricht gestalten und entwickeln zu können. Aber diese Fähigkeit besitzen die allermeisten Lehrer! Und könnten diese unter entsprechenden Umständen auch zu einem größeren Bildungserfolg nutzen als er mit Standards und Profilen möglich ist. Denn eine ganz wichtige Komponente wird bei der Bildungs-Roadmap vergessen: Die soziale.

Und ebendiese Komponente gilt es zu stärken. Mit kleineren Kursen (ja, Kurse, da Profile nie dem sozialen und geistigen Profil von Schülern entsprechen werden und dem Schüler die Fähigkeit zugetraut werden sollte, sich in bestimmtem Rahmen seinen Stundenplan gemäß Interessen und Neigungen selbst zusammenzustellen). Doch schon diese beiden Punkte werden, wie oben auch schon geschildert, grandios missachtet. Das einzige, was zählt, ist: Kosten senken, senken, senken.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist erstmal egal. Hauptsache, wir zwingen die Schüler, unter schlechteren Bedingungen mehr Leistung zu erbringen. Machen doch die Discounter auch: Milch immer billiger verkaufen und erwarten, dass die Kühe mit weniger Futter immer mehr Milch produzieren.

Die Kuh ist genug gemolken! Stop!

Doch leider verklingen solche Warnungen bei den Herren und Damen, die über das politische Ungeschick entscheiden, viel zu schnell. Von daher sieht es momentan mehr als düster für die Zukunft des staatlichen Schulsystemes in Deutschland aus. Und:
Der Letzte macht das Licht aus!

Gute Nacht!

RSS Trackback URL 24. Januar 2007 (22:28)
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2 Kommentare»

  1. lps

    25. Januar 2007 | 22:03 Uhr

    und da wundert sich noch einer über unsere Noten bei Pisa

    das Oberstufensystem in Deutschland ist eines der besten in Europa das wurde und wird eigentlich über alles gelobt…

    wenn Profiloberstufe dann fordere ich nen System ähnlich dem in Österreich…

    dort gibt es dann Technische, Wirtschaftliche etc Gymnasium die dementsprechend Profile von Anfang an anbieten. Sowas ist dann auch noch nen bisschen sinnvoller als nur ne “Profiloberstufe” das ist nix halbes und nix ganzes…

  2. dr.t

    29. Januar 2007 | 10:40 Uhr

    dem kann man nur zustimmen

    in unserem Land wird mehr gepfuscht als reformiert. Die Politiker müssen beginnen der Realität ins Auge zu sehen.

    Deshalb kommt alle zu Demo am 7.2.07 gegen Profiloberstufe, Studiengebühren und Regionalschulen.

    Nur wer sich wehrt hat das recht mitzuschimpfen!

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